Was taugt das „Netflix-Modell“ für E-Learning im Unternehmen? – Teil 2

E-Learning Trends Annika Willers · vor 4 Monaten

Mit dem „Netflix-Modell“ für E-Learning im Unternehmen sollen die Vorteile des On-Demand Fernsehens auf die betriebliche Weiterbildung übertragen werden können. Soweit die Theorie. Dass aus Binge-Watching aber kein Binge-Learning wird und ein LMS keine Videothek ist, haben wir im ersten Teil des Vergleichs herausgestellt, den Sie hier noch einmal lesen können. In diesem Beitrag geht es um die komfortable Gestaltung von E-Learning und Netflix‘ Erfolgsfaktor „On demand“.

Das Netflix-Modell für E-Learning

Bequemlichkeit ist nicht das Ziel

Im Gegensatz zur Filmauswahl bei Netflix fange ich beim Lernen im Unternehmen nicht einfach irgendwo an, sondern eher, um eine Wissenslücke zu schließen oder eine Pflichtschulung abzuschließen. Dabei kann das LMS aber auch nach einer Pflichtschulung gut weiter als Wissensdatenbank genutzt werden.

Unter passenden Voraussetzungen ist frei wählbarer Content im Corporate Learning tatsächlich durchaus hilfreich, unter anderem wenn es um „Performance Support“ geht. Hat ein Mitarbeiter ein Problem, sucht er in der „Bücherei“, im Wissensschatz des Unternehmens, nach einer Lösung. Nach dem Netflix-Prinzip kann er die angebotenen Kurse überfliegen und einfach die passenden Inhalte auswählen. Dabei ist der Wechsel zwischen einzelnen Inhalten einfach möglich und der Aufenthalt kann so lang oder kurz gestaltet werden, wie die Situation es grade zulässt/erfordert.

Screenshot Lesezeichen im Kurs
Im Inhaltsverzeichnis einfach zwischen Inhalten wechseln – Lesezeichen markieren bearbeitete Schritte.

Eine wichtige Voraussetzung für solche Wechsel und Unterbrechungen sind „Lesezeichen“: egal welchen Kurs ich auswähle, ich komme einfach wieder zu der Stelle, an der ich im jeweiligen Kurs aufgehört haben (bzw. sehe, welche Schritte ich bereits bearbeitet habe). Diese Lesezeichen machen einen Grund aus, warum das Netflix-Schauen so komfortabel ist: du kannst immer unterbrechen und später wieder da anknüpfen wo du aufgehört hast (egal mit wie vielen Filmen und Serien du angefangen hast). Lesezeichen gibt es auch beim E-Learning, in Form von Markierungen über bereits besuchte Inhalte und automatischer Rückkehr zum zuletzt aufgerufenen Element des E-Learning Kurses.

Personalisierung als A&O

Komfortabler wird frei wählbarer Content auch durch sogenannte Personalisierung: In Netflix bekommst du Vorschläge, welche Inhalte dir noch gefallen könnten. Angefangene Filme und Serien sind immer in greifbarer Nähe. Daneben die Inhalte, die den bereits geschauten ähneln. Das ist sehr praktisch und bequem und lässt sich auch auf E-Learning übertragen. Wieso das Thema Personalisierung im E-Learning ein Schlüsselfaktor sein sollte, lesen Sie in diesem Artikel.

Aber: Personalisiertes und adaptives Lernen gehen viel weiter als das was Netflix an Personalisierung anbietet. Wenn dieser Weg eingeschlagen werden soll, ist Netflix einfach das falsche Beispiel. Immerhin ist Content – auch wenn er on demand angeboten wird und von Lernern genau dann abgerufen werden kann, wenn sie ihn benötigen – nur ein kleiner Teil vom „Lernen“ im Unternehmen (10%). Einen größeren Anteil (20%) macht Social Learning aus, d.h. der Austausch mit Kollegen oder – angewendet auf den E-Learning Bereich – mit anderen Lernern. Das kann im LMS z. B. mit Kommentaren oder Direktnachrichten abgebildet werden, die Teilnehmer zum Austausch anregen. Und natürlich tauschen sich Kollegen auch im Arbeitsalltag aus. Mit 70% macht allerdings gerade der Arbeitsalltag mit (neuen) schwierigen Aufgaben und täglichen Herausforderungen den größten Anteil des Corporate Learning aus. Wir wachsen also wortwörtlich mit unseren Aufgaben.

Screenshot Lesezeichen im Kurs
„Willkommen zurück“ – Da weitermachen, wo man aufgehört hat.

Zurück zur Bequemlichkeit: Features wie Lesezeichen und Personalisierung bestimmen den Komfort des Besuchers. Aber Komfort ist nicht die bestimmende Frage beim Corporate Learning; vielmehr geht es um die Frage des Lernzuwachses und der Qualifizierung, um die Performance im Unternehmen zu steigern. Komfort ist also nur eine Art Zusatzkomponente, ein Mittel, um Corporate Learning attraktiver und wirksamer zu machen. Ausschlaggebend ist der Wissenszuwachs. Und die Kenntnis darüber, ob das Training erfolgreich war. Dies wird entweder im LMS gemessen (wenn eine Punktzahl als Qualifizierungsmerkmal eingerichtet wurde) oder direkt im Arbeitsalltag: Sind die Mitarbeiter nun zu bestimmten Aufgaben befähigt oder motiviert und dabei erfolgreich?

Übrigens: Auch Netflix misst den Erfolg seiner Angebote, logischerweise, weil Zahlen nicht lügen. Die meistgeschauten Filme und Serien verdienen weitere Produktionen im selben Stil, denn Netflix tritt nicht nur Streaming-Anbieter auf, sondern auch als Produzent. Häufige Abbrüche nach oder schlimmstenfalls innerhalb einer Staffel sorgen für schnelle Absetzung der Produktion. Die Auswertung wird somit direkt an die Content-Produktion gekoppelt, ein Schritt, der sich auch in vielen E-Learning Lösungen empfiehlt. Dennoch: Ein Unternehmen tut gut daran, mit Mitarbeitern auch persönlich über ihre Lernerfahrungen zu sprechen und sich nicht von Zahlen alleine leiten zu lassen.

Der Erfolg kam erst mit „on demand“

Seit 2007 operiert Netflix als Streamingkonzept in einer Cloud-Lösung, d. h. die Filme müssen nicht ausgeliehen oder zugeschickt werden wie in der herkömmlichen Videothek, sondern sind über den Browser abrufbar und unmittelbar verfügbar. Mit dieser Umstellung auf „on demand“ hat Netflix sich in kürzester Zeit zum Platzhirsch auf dem Video-on-demand Gebiet etabliert und eine ernsthafte Konkurrenz für das lineare Fernsehen aufgebaut. Und damit begann der große Erfolg des Unternehmens.

Auch Learning Management Systeme gibt es als Cloud-Lösung mit on-demand Zugriff via Browser. Solche LMS Lösungen bieten Unabhängigkeit von bestimmten Geräten und Infrastruktur und damit deutlich höhere Flexibilität. Doch beim Stichwort Cloud-Lösung gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Netflix und Unternehmens-LMS: Die Sicherheit. Im Unternehmen, das ein LMS betreibt, sind die bereit gestellten Inhalte sehr wertvoll und einzigartig. Geraten Inhalte in die falschen Hände, steht weit mehr auf dem Spiel als verpasste Einnahmen wie bei Netflix. Im E-Learning dargestellte Firmeninterna sind hoch vertrauliche Daten, die nur den eingeladenen Teilnehmern zugänglich gemacht werden sollen. Und nicht zu vergessen: die Lernerdaten, die durch Teilnahme und Beantwortung von E-Learning Kursinhalten entstehen. Sie sind als personenbezogene Daten zu verstehen, die im EU-Recht einen besonderen Schutz genießen. Daher muss ein LMS – ob cloudbasiert oder nicht – hohe Sicherheitsmaßnahmen erfüllen. Die Frage nach dem Umgang mit den Daten, extern, stellt sie sich nicht. Sie dürfen nicht verwendet werden!

Screenshot Rollensystem im LMS
Dank Rollensystem haben nur diejenigen Zugriff auf Lernerdaten, die entsprechende Berechtigungen innehaben.

Intern sieht die Sache anders aus. Bestimmte Personen haben Zugang – und das Recht – Lernerdaten auszuwerten. Und das sollten sie auch, denn erstens wird dem Lernenden Feedback gegeben – über das automatische Feedback der Software hinaus. Und zweitens wird das System besser. Schaut der Trainer regelmäßig nach der Performance im Kurs, kann er Schwachstellen ausbessern. Dabei sollte er natürlich auch das direkte Feedback der Lerner berücksichtigen und sich nicht ausschließlich auf Zahlen verlassen. Den Erfolg verspricht – wie bei Netflix – die konstante Auswertung aller verfügbaren Daten, die sich mit der Zeit ansammeln.

„On demand“ ist noch nicht alles

Nun muss man sich überlegen: was sind denn die Alternativen zum Netflix gucken? Erstens natürlich das klassische Fernsehen. Es gehört zu einer der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen und besticht durch feste Zeiten (Routine) und eingeschränkte Auswahl (je nach Anzahl der empfangenen Sender). Es wird aber ausschließlich linear angeboten und ist daher unflexibel. Daneben gibt es Video und DVD, die zeitliche Unabhängigkeit bieten; doch dafür ist man abhängig von der Hardware. Im on-demand Bereich gibt es Alternativen wie YouTube. Auch sie sind browserbasiert, flexibel und häufig sogar kostenfrei. Nachteile ergeben sich in der Verfügbarkeit der Inhalte (Exklusivität bestimmter Produktionen liegt bei Netflix oder anderen kostenpflichtigen Anbietern) und der Bequemlichkeit. Netflix hat durch Lesezeichen und Personalisierung ein besonders komfortables Umfeld geschaffen, das Nutzer immer wieder auf die Plattform lockt.

Auch beim E-Learning stellt sich die Frage, was die Alternative ist. Als lineare Lösung stehen Präsenzschulung und Webinar zur Auswahl. Als on-demand Lösung gibt es Dokumente, Videos und andere Einzelinhalte, die per E-Mail oder über eine interne Plattform zur Verfügung gestellt werden. Häufig fehlt hierbei leider der Überblick über verwandte oder alternative Lerninhalte. Außerdem ist es schwierig, mit Lesezeichen, Personalisierung und Feedback zu arbeiten. Und im Fall der versendeten Inhalte fehlt die Kontrolle – wie soll ich überprüfen, ob meine Teilnehmer die Materialien tatsächlich durchgearbeitet haben.

Screenshot benutzerfreundliche Oberfläche im LMS
Eine benutzerfreundliche Oberfläche hält wichtige Informationen in einem Blick bereit

Den Bedarf an „on-demand“ Bereitstellung kann E-Learning dagegen sehr gut erfüllen, wenn eine browserbasierte Plattform gewählt wird. Auch Lesezeichen, Personalisierung und Feedback lassen sich einfach bewerkstelligen. Doch was macht eine E-Learning Plattform zur Nummer eins auf der Beliebtheitsskala, so wie Netflix? Die Bequemlichkeit! User kennen und lieben Netflix: Nur 3 Jahre nach dem Start verzeichnet Netflix im Jahr 2017 rund 5 Millionen Nutzer in Deutschland. Begriffe wie E-Learning und LMS rufen dagegen nicht unbedingt die positivsten Gefühle hervor. Einem LMS einen neuen Anstrich zu geben, und Wörter wie Netflix einfließen zu lassen, kann also was Motivation und Teilnahme angeht, eine sehr gute Idee sein.

Allerdings sollte es nicht nur Fassade sein. Sonst ist der Schwindel schnell aufgedeckt und die Demotivation umso größer. Größtes Plus bei Netflix: die Plattform ist übersichtlich und einfach und selbstbestimmt zu bedienen. Dies sollte auch der Anreiz im LMS sein.

JD Dillon konkludiert: Wir brauchen kein Netflix zum Lernen. Auch kein Uber zum Lernen, auch kein Amazon zum Lernen. Aber es schadet nicht, sich Inspiration zu holen bei diesen großen erfolgreichen Plattformen. Zumal Besucher die Anwendung schon kennen und beherrschen. JD Dillon hat sich ein wenig was von YouTube abgeschaut. Er nennt es nur nicht „YouTube Lernen“.

Unser Fazit:

Ein LMS muss nicht wie Netflix sein. Dafür sind die Ziele zu unterschiedlich. Um den Performance Support zu stärken, kann es aber Sinn ergeben, Lerninhalte wie eine digitale Bücherei (Netflix-ähnlich) aufzubauen. Jeder kann sich jederzeit am vorhandenen Wissen bedienen, kann aber auch jederzeit unterbrechen und sich erstmal wieder der eigentlichen Arbeit widmen. Stichworte wie Netflix machen es Lernen übrigens schmackhafter als dröge Ausdrücke wie LMS und E-Learning. Wenn die Plattform dann auch genauso übersichtlich und intuitiv aufgebaut ist wie Netflix, wird sie sicher zum Erfolg.


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