Was taugt das „Netflix-Modell“ für E-Learning im Unternehmen? – Teil 1

E-Learning Trends Annika Willers · vor 11 Monaten

Einen innovativen Ansatz fürs Lernen im Unternehmen – das verspricht das „Netflix-Modell“. Ein Netflix fürs Lernen gewissermaßen, das die Vorteile des On-Demand-TVs übernimmt. Netflix ist unglaublich erfolgreich auch in Deutschland gestartet und hat das Fernsehen gewissermaßen „revolutioniert“. Solch eine revolutionäre Methode auch fürs Corporate Learning anzuwenden – und es damit möglicherweise beliebter und besser zu machen – ist verlockend. Doch bei genauerem Hinschauen erweisen sich gravierende Unterschiede, die ein „Netflix fürs Lernen“ infrage stellen.

Das Netflix-Modell für E-Learning

Laut Workplace Learning Experte JD Dillon sind solche Vergleiche grundsätzlich schwierig. „Wir sind das Uber für Gassigehen mit Hunden“, „Wir sind das AirBnB für Bürostühle“, so lauten die Verheißungen diverser Unternehmen – letztendlich wird das Problem aber anders gelöst. Anbieter, die sagen: „Wir sind das Netflix fürs Lernen“, sollte man laut JD Dillon daher erstmal kritisch beäugen. Gibt es ein Netflix fürs Lernen? Und ist das überhaupt sinnvoll?

Binge-Watching wird niemals Binge-Learning

Zunächst gilt es zu überlegen: wie wird das Tool eingesetzt? Beim Corporate Learning werden Lernangebote üblicherweise per LMS bereitgestellt. Und egal wie modern es eingerichtet wird: ein LMS bleibt ein LMS. Es funktioniert einfach nicht wie in Netflix! Dort setze ich mich mit Schokolade und Chips hin und frage: „Was schaue ich denn heute mal? Die Serie weiter? Ach was, da wurde ja mein Lieblingsfilm online gestellt! Da guck ich jetzt sofort rein!“ Können Sie sich eine Situation vorstellen, in der ein Mitarbeiter sich gemütlich in den Bürostuhl kuschelt und erwartungsvoll den neu eingestellten Kurs startet? Oder einen Kurs nach dem anderen absolviert, weil man – gefesselt von der Story und den Cliffhängern – einfach nicht mehr aufhören kann?

Binge-Learning
Gemütliches Abhängen vor der Content-Auswahl? Im LMS eher nicht.

Der Grund, warum „Binge-Learning“ im LMS nicht stattfindet, liegt vor allem in der Bereitstellung der Plattform. Während Netflix-Schauen eine freiwillige Tätigkeit in der Freizeit darstellt, ist E-Learning (meistens) etwas Auferlegtes. Der Arbeitgeber möchte gern, dass gelernt wird, und zwar bitte schön folgende Auswahl an Kursen (insert: die Kurse Ihres Unternehmens). Zeitpunkt und Reihenfolge können dabei beliebig sein, vielleicht gibt es dabei auch viel mehr Videos als jemals zuvor. Aber damit ist es noch nicht Netflix! Und kein Mitarbeiter wird das jemals so sehen, solange Lerninhalte vorgegeben und nicht absolut freiwillig sind.

Und selbst wenn es so etwas wie „Binge-Learning“ gäbe – es wäre nicht das eigentliche Ziel einer E-Learning Lösung. Binge-Watching hat einen konkreten Vorteil für Netflix, denn es steigert die Nutzung, die Zufriedenheit, die Empfehlung und damit den Umsatz für das Unternehmen. Der Abruf von Lerninhalten an sich steigert nicht den Unternehmensumsatz – sondern das gewonnene Wissen, das die Mitarbeiter befähigt, informiert im Unternehmenssinne zu handeln, Zusammenhänge schneller zu verstehen und ihre Arbeit tadellos zu verrichten. Die Arbeit selbst (die Performance) steigert den Umsatz. Und somit bleibt das im LMS gespeicherte Wissen ein Mittel zum Zweck – nicht der Zweck an sich.

Ein LMS ist keine Videothek

Der Erfolg von Netflix kommt nicht von ungefähr. Es gibt zahlreiche Vorteile, von denen einige in andere Disziplinen wie ins Corporate Learning übertragbar sind. Dazu zählen zunächst einmal: einfaches Umherbewegen, selbstbestimmtes Timing und übersichtliche Aufteilung (z. B. Serie/Staffel/Episode – im LMS vergleichbar mit Kurs/Modul/Lernschritt). Sein Ursprung als Video-Ausleihe ist bei Netflix noch immer erkennbar: Die Plattform ist aufgebaut wie eine Videothek oder Bücherei mit frei wählbaren Inhalten. Auch ein LMS kann so aufgebaut sein: eine übersichtliche Darstellung aller abrufbaren Inhalte. Der Vorteil: Die Auswahl an Inhalten (Kursen) ist positiv besetzt, denn sie stellen den Wissensschatz dar, den das Unternehmen hat und (kostenlos) zur Verfügung stellt. Dazu müssen die Inhalte gar nicht unbedingt im Video-Format angeboten werden. Ein Kurscover (ähnlich einem Buch) kann genauso attraktiv und einladend wirken.

Neues Arbeitsumfeld
Kursübersicht im LMS – hier verschieden sprachige Kurse

Nur: So viel Content, wo fang ich denn jetzt an? Das passiert mir in Netflix durchaus häufig. Je mehr Auswahl, desto schwieriger die Entscheidung. Der Unterschied beim Corporate Learning ist aber, dass ich nicht „frei Schnauze“ anfange zu lernen, sondern meist aus einem Bedürfnis heraus. Ich bemerke eine Wissenslücke und versuche sie zu schließen. Oder aus einer Pflicht heraus. Tatsächlich empfehle ich, die LMS Teilnehmer mit einer Pflichtschulung beginnen zu lassen und das LMS anschließend als Wissensdatenbank weiter zu nutzen.

Exkurs Pflichtschulung:
Sobald im E-Learning ein verbindliches Lernziel vorgegeben ist, kann von Freiwilligkeit der Content-Auswahl keine Rede mehr sein. Wir sprechen in diesem Fall von Pflichtschulung. Hier werden Lernfortschritt und -ergebnis sichtbar gemacht. Evtl. schließt das Training mit einem Zertifikat ab, das den Teilnehmer zu bestimmten Tätigkeiten berechtigt. Pflichtschulungen sind häufig der wichtigste Grund, ein LMS im Unternehmen einzuführen. Leider ist ein LMS, das nur aus Pflichtschulungen besteht, für den Teilnehmer negativ besetzt. Hier herrscht das Gefühl, lediglich der Verpflichtung nachzugehen, bestimmtes Wissen einzuholen und nachzuweisen. Empfohlen wird daher eine Mischung aus Pflichtschulungen und freiwilligen Kursen, die Mitarbeiter in ihrer Qualifikation weiterbringen oder den Arbeitsalltag vereinfachen.

Im nächsten Blogbeitrag beleuchten wir das „Netflix-Modell“ für E-Learning im Unternehmen weiter: Wie E-Learning komfortabel gestaltet werden kann ohne „Bequemlichkeit“ als Ziel zu setzen und was es mit „On demand“ auf sich hat lesen Sie im zweiten Teil.


So gar nicht Netflix und irgendwie doch: Einmal reinzappen ins Coursepath LMS

Zur Demo-Akademie