Blended Learning im Mittelstand: Der smarte Umgang mit erklärungsbedürftigen Produkten

E-Learning Trends Annika Willers · vor 11 Monaten

Im immer schneller werdenden Produktzyklus mittelständischer Unternehmen wollen und müssen Mitarbeiter involviert und informiert bleiben. Blended Learning führt mit einem Methoden-Mix zum zeitgemäßen Wissensaustausch und hilft dabei, Komplexität zu reduzieren.

Produktionskette
Die Produktionskette am Laufen halten – und dabei Unternehmen, Mitarbeiter und Partner zufrieden stellen.

Der deutsche Mittelstand und seine erklärungsbedürftigen Produkte

Der deutsche Mittelstand beeindruckt den internationalen Markt mit Exzellenz und Langzeit-Commitment. Auffällig dabei ist, dass die mittelständischen Firmen sich bescheiden als Nischenanbieter bezeichnen und doch viele Größen in Profit und Reichweite überholen. Dabei bieten die Mittelständler meist keine Rundumpakete oder Neuerungen, sondern ganz pragmatisch die Werkzeuge oder Materialien auf denen State-of-the-art Produkte basieren.

In der Herstellung ihrer oft komplizierten und daher „erklärungsbedürftigen“ Güter wird auf äußerste Sorgfalt wertgelegt – dies hat auch den „Made in Germany“ Inbegriff für Produktqualität und Zuverlässigkeit geprägt. Und hieran wird festgehalten, denn es beschert den deutschen Mittelständlern mehr als kurzfristigen Erfolg. Bei den Heidelberger Druckmaschinen beispielsweise können noch Ersatzteile von 100 Jahre alten Druckmaschinen bestellt werden. Mehr Stabilität und Kundenwertschätzung geht nicht. Doch Stillstand kann sich keiner leisten, zu schnell ändern sich Produktions-, Vertriebs- und Arbeitsmodelle.

Über Schnittstellen und Knotenpunkte zur rundum vernetzten Produktion

Für viele mittelständische Unternehmen besteht zu diesem Zeitpunkt keine absolute Notwendigkeit, Prozesse zu verändern: die Wirtschaft läuft gut und deutsche Produkte finden guten Absatz. Andererseits werden die Stimmen immer lauter (u.a. VDI), dass Deutschland sich im Zuge der Digitalisierung einige Chancen entgehen lässt. Und hierbei geht es nicht nur um digitalisierte Produkte, sondern auch um Prozesse, Arbeitsabläufe, Systeme. Nicht umsonst kam der Begriff Industrie 4.0 auf, als Zeichen der Digitalisierung in Produktionsstätten. Nun werden nicht alle Fabriken von heute auf morgen komplett digitalisiert und womöglich nur noch von Robotern betrieben. Aber die Digitalisierung erhält Einzug und prägt auch die menschliche Zusammenarbeit. Industrie 4.0 steht für Vernetzung, und obwohl sich dies zunächst auf Maschinen bezieht, vernetzt sich auch der Mensch zunehmend und wird dadurch besser – in seiner Arbeit, in seinem Produktverständnis und in seiner Fähigkeit, Situationen aus Unternehmensperspektive einzuschätzen. Der Mitarbeiter wird somit ein wichtiger Partner.

Vernetzung

Hier geht es dann auch zurück zu den erklärungsbedürftigen Produkten: Durch neue Komplexität von Produkten und Systemen werden kollaborativere und intelligentere Netzwerke von der Option zur Pflicht. Produkte verschmelzen mehr und mehr mit einer Dienstleistung und auch der Kunde wird zum Partner. Dementsprechend wird er permanent auf dem Laufenden gehalten, was Produktentwicklungen und Anwendungsbereiche betrifft und darf seine Meinung einbringen. Gleiches gilt für die beteiligten Mitarbeiter. Diese werden zur Schnittstelle: zum Knotenpunkt des weitgespannten Netzwerks zwischen Unternehmen und Partnern, Produkten und Dienstleistungen. Doch damit steigt die Herausforderung, Mitarbeiter überhaupt zu dieser Leistung zu befähigen. Immer aktuell muss deren Wissen sein, damit sie

  1. für hohe Qualität und schnelle Leistung in der Lieferkette sorgen.
  2. Kollegen, Kunden und Partner adäquat beraten und informieren.
  3. agil auf Änderungen eingehen können.

Hieraus ergibt sich: Komplexität fordert Erklärung, Kommunikation und Aktualität. Was die Mitarbeiter nicht gebrauchen können, sind aufwendige Erklär- und Schulungsprozesse, die Wissensaufnahme verlangsamen und die Aktualität somit verhindern.

Erklärungsbedürftig, nicht aufwandsbedürftig

Die Lösung liegt wie so oft in einer Mischung aus unterschiedlichen Methoden. Direkte Erklärungen und Hinweise vom Vorgesetzten an die Mitarbeiter werden nach wie vor benötigt, doch wird es immer schwieriger, diesen Aufwand dauerhaft und manchmal rund um die Uhr fortzusetzen, sodass alle stets aktuell informiert sind. Gründe hierfür sind erhöhte Geschwindigkeit von Entwicklungen und vermehrte Tele-Arbeit. Wie oft sitzen noch alle Mitarbeiter am selben Standort? Auch die mittelständischen deutschen Betriebe bilden mittlerweile keine Ausnahme mehr im Auslagern von Produktionsstätten, Neben- und Vertriebsstandorten. Dazu kommen Kunden, Re-Seller und weitere Partner, die laufend aktuell informiert sein wollen und zum modernen Kommunikationsnetzwerk unbedingt dazu gehören sollen.

Viele Unternehmen nehmen daher digitale Mittel wie Online-Plattformen zu Hilfe, um Informationen unter den Beteiligten auszutauschen. Grade bei erklärungsbedürftigen Produkten hat dies Vor- aber auch Nachteile. Vorteile liegen in der ortsunabhängigen Übermittlung von Informationen. Auch in der leserfreundlichen Aufbereitung durch Multimedia und Co. und im eigenbestimmten Lernverhalten, welches zu besserem Verständnis führt. Als Nachteil wird empfunden, dass der persönliche Kontakt schwindet und keine direkte Kontrolle erfolgt.

Blended Learning heißt, sich nie ganz auf eine Methode zu verlassen

Die Vielfalt an Plattformen lässt einige Interaktionen zu, die diese Kontrolle wieder herstellen und sogar verbessern. Spezialisiert hierauf sind z. B. E-Learning Plattformen, die den Kommunikationsaustausch als Lernprozess betrachten, sprich von einem Lernziel und dementsprechend von einem (nachvollziehbaren) Fortschritt hierin ausgehen. Die Rollen der involvierten Mitarbeiter (oder Partner) sind hierbei klar formuliert, was Vorteile haben kann: der sogenannte Trainer stellt die Informationen ein und verfolgt die Aktivitäten und Lernfortschritte, sodass Status und Unklarheiten immer bekannt sind. Der Teilnehmer folgt den vorgegebenen Schritten und geht am Ende mit einem Lernergebnis nach Hause.

Präsenzveranstaltung
Blended Learning: Präsenzveranstaltung und E-Learning kombinieren

Aber: wir wären nicht in der heutigen Zeit der Vernetzung, wenn es hier nicht eine Rückkopplung gäbe. Ab und zu verlässt der Teilnehmer seine Rolle als „Empfänger“ und stellt Rückfragen, fordert den Trainer zur Überarbeitung der bereitgestellten Inhalte heraus und gestaltet das Training auf diese Art und Weise mit. Dennoch, und das betrifft vor allem auch das Anwendungsergebnis, sollte der offline Kontakt nie völlig wegfallen. Blended Learning als durchdachte Mischung von online und offline Informationsangeboten ist daher unverzichtbar. In der Praxis heißt das meistens: Präsenzveranstaltung zum ersten Erklären und Veranschaulichen plus E-Learning zum selbstständigen Lernen und Vertiefen.

Erklären, ergänzen, aktualisieren: Wissensvermittlung als Projekt an sich

Auch mit digitaler Unterstützung bleibt Aufwand bei erklärungsbedürftigen Produkten bestehen. Die Frage dreht sich also nicht um die Verzichtbarkeit von Erklärungen, sondern um die Bereitstellung dieser. Bei komplexen Produkten müssen Informationen aber nicht nur da sein, sie müssen auch erklärt werden, es muss Rückkoppelung stattfinden und immer wieder überprüft werden, ob alles verstanden wurde, bzw. erinnert wird. Daher muss die Informationsübermittlung vor allem den folgenden Zielen dienen:

  1. Informationen bündeln und immer und überall zugänglich machen.
  2. Nach Bedarf Erklärungen und Hintergrundwissen hinzufügen.
  3. Fragen und Interaktion ermöglichen.
  4. Lernfortschritt nachvollziehbar machen.
  5. Regelmäßigkeit und Selbstreflektion schaffen.

Wenn Trainer, sprich Abteilungsleiter, Team-Manager o.ä., es sich zur Aufgabe machen, produktbezogenes Wissen regelmäßig bereit zu stellen, haben sie zwar die Mehrarbeit der Aufbereitung „am Hals“, sparen sich aber andererseits Fehler, Unsicherheiten, weitergegebene Falsch-Informationen und Unzufriedenheit bei den Mitarbeitern. Im Gegenzug wächst durch regelmäßiges Training die Verlässlichkeit pro Mitarbeiter und schafft ein Informationsnetzwerk, das in agilen Zeiten dringend benötigt wird.

Inwiefern dazu E-Learning eingesetzt wird ist eine individuell zu klärende Frage, u.a. abhängig von der Bereitschaft des Trainers sich auf digitale Bereitstellungswege einzulassen. An der technischen Hürde sollte es nicht scheitern: E-Learning Software ist heutzutage sehr bedienerfreundlich und intuitiv. Für Mittelständler ist aber die Preisfrage oft ein Problem, da Lernmanagementsysteme Tausende von Euro an Anschaffungspreis verschlingen können. Daher wird vermehrt auf Software-as-a-Service mit flexiblen Lizenzmodellen gesetzt. Dies entspricht auch viel mehr dem Ziel, Komplexität zu verringern und dynamische Prozesse aufzubauen. Software-as-a-Service ist neben der Bezahlung auch als Produkt dynamisch und wird für alle Anwender weiterentwickelt. Welches Hilfsmittel letztendlich auch gewählt wird, die Zukunftsfähigkeit ist ausschlaggebend. Nur so bleiben auch der Mittelstand und seine Arbeitnehmer zukunftsfähig.


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